FANZINES – DO IT YOURSELF!

Ausstellung vom 05.04. bis 29.05.2004
im Informationszentrum der Universitäts-Bibliothek der FU Berlin, Garystraße 39, 1. Stock

Fanzines in Bierbüchsen oder Filmdosen, eingenäht in aufwendige Stofffumschläge oder kunstvoll bedruckt. Die Vielfalt dieses Mediums scheint unerschöpflich. Ihre Bezeichnung setzt sich aus den englischen Begriffen "fan" und "magazine" zusammen und trifft damit zentrale Besonderheiten dieses Phänomens: gemeinsam ist den Heften, Video-, Kassetten- oder Online-Zines, dass sie zuallererst aus Leidenschaft und nicht aus kommerziellen Gründen produziert werden. Es sind selbst verlegte und vertriebene Publikationen von Fans für Fans, die gemeinsame Interessen haben oder der gleichen Szene angehören. Fanzines stellen daher einen autonomen Bereich der Presselandschaft dar. Da sie meist nur innerhalb von Szenen kursieren, bleiben sie weitgehend unbekannt und unbeachtet. Die Ausstellung wollte Fanzines einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen und auf ihre Besonderheiten hinweisen.

Fanzines können in der Beschäftigung mit Jugend-, Fan- oder Subkulturen als authentisches und damit aufschlussreiches Sprachrohr der jeweiligen Szene verstanden werden. Daher sollte in der Ausstellung nicht nur die materielle und gestalterische Vielfalt präsentiert, sondern auch deren kultureller und politischer Bedeutung nachgegangen werden. Der Aspekt des Selbermachens, das "Do-It-Yourself"-Prinzip kann als Versuch gesehen werden, sich selbst eine Stimme zu verleihen. Nicht zuletzt wollte die Ausstellung die Besucherinnen und Besucher dazu anregen, selbst Stift, Klebstoff und Schere in die Hand zu nehmen und ihr eigenes Fanzine zu gestalten, getreu ihrem Titel: Fanzines - Do It Yourself!


Außerdem ist ein Fanzine zur Ausstellung erschienen.
Aus dem Inhalt:
- Fanzines - Do it Yourself!
- Wall Street Journal (Interview)
- "Weil wir Mädchen uns nach Platten, Büchern und Fanzines sehnen, die UNS ansprechen..."
   (Riot) Grrrl (Fan)Zines und die Politik der Selbstermächtigung
- Unsere Welt. Fanzines aus rechtsextremen Szenen
- Meine erste Begegnung mit dem Wort Fanzine
- Der Fanzine-Bestand des Archiv der Jugendkulturen
- Bibliographie
- Adressen und Tipps


Artikel zur Ausstellung in der Intro vom 23.04.2004 von Martin Büsser

Fanzine-Ausstellung
Still Do It Yourself!

Es verursacht schon einen Hauch von Wehmut, wenn Fanzines inzwischen als Ausstellungsstücke in Glas-Vitrinen präsentiert werden. Denn sobald etwas musealisiert wird, erscheint die Historisierung unvermeidlich. Doch das Berliner Archiv der Jugendkulturen, das für die in Berlin beginnende Wanderausstellung sein Fanzine-Archiv geöffnet hat, will den Eindruck des Unwiederbringlichen erst gar nicht aufkommen lassen. Die letzte Abteilung der in vier Stationen aufgeteilten Ausstellung gibt praktische Anleitungen, wie man ein Fanzine selber macht – von der Schere bis zum Vertrieb. »Es geht uns darum, den Leuten D.I.Y. und Selbstaneignung wieder schmackhaft zu machen«, erklärt Christian Schmidt, der an der Realisation der Ausstellung maßgeblich beteiligt war. Die Ausstellung beschränkt sich deshalb auch nicht auf die kreative Phase der Punk- und Hardcore-Fanzines, sondern deckt ganz unterschiedliche Formen von Fanzines ab, darunter Fußball, Science-Fiction, Queer-Zines, Art-Zines, aber auch politische Egozines, die seit den 90ern vor allem in den USA eine Renaissance erlebt haben. Ganz gleich, ob es sich um kopierte Hefte, um Video-, Kassetten- oder Online-Zines handelt – die Ausstellung versteht sich nicht als sauber geordnete Bestandsaufnahme, sondern als bunt zusammengewürfeltes Spielfeld, das zur Eigeninitiative motivieren möchte. Sie richtet sich daher auch nicht an ein herkömmliches Museumspublikum, verkauft Fanzines nicht als Devotionalien vom künstlerischen Wert eines Andy Warhol oder als kurioses Phänomen von Volkskultur, sondern als Politikum, das Freiheit des Ausdrucks über kommerzielle Interessen stellt. Orte wie das Conne Island in Leipzig, das Café Kult in München und das JUZ in Mannheim, wo ›Fanzines – Do It Yourself!‹ unter anderem Station machen wird, sorgen dafür, dass das Zielpublikum nicht verfehlt wird, wenngleich damit wohl auch eine Auseinandersetzung mit dem Thema in der bürgerlichen Presse ausbleiben wird. Doch der Ruch des zumindest nominell Subversiven verleiht der Sache auch ihren Charme.

 

Was ist der kleinste gemeinsame Nenner, der Fanzines auszeichnet?
Die Eigeninitiative und die Tatsache, dass Leidenschaft, nicht kommerzielles Interesse im Mittelpunkt steht. Dabei gibt es natürlich jede Menge Mischformen. Ab wann beispielsweise hat das ›Frontpage‹ aufgehört, ein Fanzine zu sein? An Anzeigen alleine kann man das nicht immer festmachen, denn auch in manchen kleinen Punk-Fanzines finden sich Anzeigen von Plattenfirmen. Charakteristisch ist wohl eher der Stil, der ein Fanzine von einem kommerziellen Magazin unterscheidet. Deshalb würde ich zum Beispiel das ›Monochrom‹ mit seinem Schnippel-Layout und dem eigenwilligen Sprachstil als Fanzine bezeichnen, obwohl es als Buch mit ISBN-Nummer daherkommt.

Ist das Fanzine historisch geworden, seit es – vor allem auf dem Musiksektor – keinen Anspruch mehr auf Exklusivität haben kann? Über Bands, die früher nur in Fanzines besprochen worden wären, kann man ja heute auch in der FAZ Artikel lesen.
Seit der gegenseitigen Durchdringung von Mainstream und Underground in den Neunzigern hat das Musik-Fanzine tatsächlich an Besonderheit verloren – mal abgesehen von obskurem Zeug wie irgendwelchem Grindcore, über den die FAZ auch heute noch nicht schreiben würde. In den USA gibt es seit den 1990er-Jahren verstärkt Egozines, die alles Mögliche behandeln, politische Themen zum Beispiel oder Gender-Debatten. Außerdem glaube ich, dass die Besonderheit eines Fanzines nicht alleine in der Exklusivität der Themen zu suchen ist, sondern im Stil. Hier können alle schreiben, wie sie wollen, vom weinerlichen Emocore-Stil bis zur absoluten Selbstinszenierung als Star, wie das Franz Bielmeier mit seinem ›Ostrich‹-Fanzine betrieben hat.

Welchen Zeitraum umfasst die Ausstellung?
Da es sich ja um die Fanzine-Sammlung des Berliner Archivs der Jugendkulturen handelt, ist der Zeitraum notgedrungen vor allem auf die letzten 25 Jahre limitiert. Viele Exemplare alter Fanzines aus den 70ern liegen uns nur als Kopie vor und können daher nur als Kopie gezeigt werden. Das sind ja zum Teil wahnsinnig rare Sammlerstücke geworden.

Wie muss man sich den Aufbau der Ausstellung vorstellen?
Am Anfang steht erst einmal eine Collage aus Überschriften und Selbstdarstellungen, zum Beispiel ›Trust – Süddeutsches Hardcore-Magazin‹, das die ganze Vielfalt an Themen widerspiegelt. Dann gibt es sowohl formale wie inhaltliche Präsentationen. Der formale Teil zeigt alle Arten von Fanzines, von der Wandzeitung bis zum künstlerischen, in einer Stofftasche eingenähten Objekt. Im inhaltlichen Teil werden Texte vorgestellt, die den jeweiligen Stil erkennen lassen. Hier finden sich auch Texte aus einem Nazi-Fanzine, denn es wäre zu blauäugig, zu behaupten, dass Selbstaneignung automatisch emanzipatorische Zwecke verfolgen muss. Es gibt leider auch gegenteilige Beispiele.

Fanzine
In den 1930er-Jahren begannen Science-Fiction-Magazine, sich selbst als »Fanzines« zu bezeichnen: von Fans für Fans. Das Fantum kann sich seither auf alles Mögliche beziehen, auf Musik, Comics, Süßwasserfische, sexuelle Praktiken oder leere Tablettenschachteln. Das Wiener ›Monochrom‹-Fanzine geht in seiner aktuellen Ausgabe so weit, auch Supermarkt-Filialen, geometrische Körper und den »g-Faktor des freien Elektrons g e« zu rezensieren.

 

Egozine
Meist nur von einer Person herausgebrachtes Fanzine – die Öffentlich-Machung des Tagebuchs von Menschen, die nicht so berühmt wie Franz Kafka oder Thomas Mann sind, es aber gerne wären. Reicht von der Rezensionswüste über Sauf- und Reiseberichte bis zur Erschaffung eines Paralleluniversums (siehe ›Monochrom‹). Frühestes Egozine: Karl Kraus, ›Die Fackel‹ (1899-1936).