Das Modellprojekt „Präventive Arbeit mit rechtsextremistisch orientierten Jugendlichen“ in Justizvollzugsanstalten des Landes Brandenburg

Ab 2001 gab es in den Brandenburger Jugendhaftanstalten ein Modellprojekt unter dem Titel „Präventive Arbeit mit rechtsextremistisch orientierten Jugendlichen“. Ein kurzes Vorläuferprogramm im Jahr 2000 hatte erste positive Ergebnisse geliefert. Augenscheinlich - so das Fazit - ließe sich mit pädagogischen Angeboten der Kreis der potentiell Gefährdeten erreichen. Ergebnis war die Initiierung eines mehrjährigen Modellprojekts des Ministeriums der Justiz und für Europaangelegenheiten des Landes Brandenburg in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung und der Landeszentrale für politische Bildung Brandenburg. Durchgeführt wurde das Projekt vom Archiv der Jugendkulturen mit Sitz in Berlin.

Adressaten des Programms waren vorrangig jugendliche Insassen, die mit fremdenfeindlichen und rechtsextremen Taten, Äußerungen und Selbstbekundungen auffielen bzw. auf sich aufmerksam gemacht hatten. Das Vorhaben war mehrstufig angelegt:

Offeriert wurden den Bediensteten in den Anstalten Schulungs- und Informationsveranstaltungen. Die inhaltliche Bandbreite dieser Angebote reichte von Informationen über rechtsextreme Organisationen, Netzwerke, Publikationen über Musik und Symbole einschlägiger Szenen bis hin zum Umgang mit Begründungs- und Argumentationsketten rechtsextremer Herkunft. Ziel war es, Kerngruppen unter den Bediensteten aufzubauen. Sie sollten sich der Thematik in besonderer Weise annehmen und Multiplikator_innenfunktion in der Anstalt übernehmen.

Parallel zu den Schulungen gab es ein turnusmäßig erscheinendes „Info-Blatt“, das auf wenigen Seiten die u.a. in den Veranstaltungen behandelten Inhalte – beispielsweise zum „Rechtsrock“ – kurz zusammenfasste und mit aktuellen Themen ergänzte. Für kurzfristige Fragen seitens der Haftanstalten, die beispielsweise von den jugendlichen Insassen gelesene bzw. gehörte Publikationen und Musik-CD´s oder verwandte Insignien, Tattoos u. a. betreffen, stand eine Hotline zum Archiv der Jugendkulturen zur Verfügung.

Eine weitere Ebene des Programms betraf Diskussionsveranstaltungen mit den jugendlichen Insassen. Die Teilnahme war freiwillig. Gegenstand waren Themen vom sogenannten „Rechtsrock“ über rechtsextreme Mythen und Symbolwelten bis hin zu Legenden, Lügen und einschlägigen Geschichtsklitterungen rechtsextremer Provenienz. Diese Veranstaltungen waren als Auftaktrunden zu verstehen, d.h. in ihnen wurden rechtsextreme Ideologiefragmente aufgegriffen und argumentativ Gegenpole gesetzt. Zielgruppen waren ebenso Personen mit extrem verfestigten Positionen wie auch Jugendliche, die eher als Mitläufer gelten oder ideologisch eher indifferente Inhaftierte.

Die Veranstaltungen trugen der Erkenntnis Rechnung, dass das Meinungsspektrum unter jugendlichen Insassen weit weniger homogen ist als angenommen bzw. es nach außen den Anschein trägt. Gerade gefährdete Personen mit eher indifferenten Meinungen müssen Aufklärung, Klarstellungen und Argumente zur „Absetzung“ erfahren. Vermeintlich schlüssige Argumentationsketten oder auch zählebige Vorstellungen entsprechender Meinungsführer sollten offensiv und ostentativ angegangen werden. Allerdings muß auch hinzugefügt werden: Tiefgreifend verfestigte Positionen bei Personen aus dem mehr oder weniger organisiertem Spektrum waren damit wohl nicht zu erschüttern.

Kern und maßgeblich auf Veränderung abzielend war die dritte Programmebene, das Angebot von Trainingsgruppen. Zielgruppe waren hier vor allem sogenannte „Mitläufer“. Die Trainingsgruppen wurden in wöchentlichem Turnus über einen Zeitraum von vier bis sechs Monaten offeriert und nutzten das Instrument einer kleinen und überschaubaren Gruppe. Es ging in ihnen sowohl um die kognitive wie auch um eine affektive Auseinandersetzung mit der Thematik. Gerade auch fremden- oder besser „andersfeindliche“ Positionen schienen bei etlichen Tätern biografisch affektiv tief „geankert“ zu sein. Die Inhalte bauten aufeinander auf: Gegenstand der inhaltlichen Arbeit waren zunächst die eigene Biografie, dazu die Rolle der Clique, der „Kumpels“, d.h. die vermeintliche Gruppe als ehemalige „Kampfmaschine“ mit all ihren Inszenierungen der Einschüchterung und begangenen gewalttätigen Übergriffen.

Die anfängliche Frage war: Wo steckt der Nutzen dieses Härte- und Feindseligkeits-Konstruktes, was existiert an irrationalen Ansichten und Selbsttäuschungen? Was vor allem aber sind die Folgen des Tuns, wie läßt es sich „verlernen“ und was kann und muß stattdessen das Handeln bestimmen?

Gegenstand waren weiter persönliche Verleugnungs- und Verharmlosungsstrategien und die Konfrontation mit Tat und Opfer – ohne das es zur erneuten Begegnung kam. Gepaart wurde die Arbeit mit Disputationen gesellschaftspolitischer Themen, der NS-Vergangenheit und einer Auseinandersetzung mit typischen rechtsextremen und scheinbar schlüssigen Argumentationen. Es war offensichtlich, dass hierfür etlichen jugendlichen Insassen bislang der ernstzunehmende und kongruente Widerpart in der Auseinandersetzung fehlte, der sich ebenso wertschätzend wie konfrontierend mit ihnen auseinander gesetzt hätte. Bewusst wurden die genannten Themen in den Kontext der Auseinandersetzung mit der Tat bzw. Gewalterfahrung eingebettet und nicht als Einzelthemen an den Anfang. Das hätte vermutlich einen ausschließlich kognitiv belehrenden Charakter, der bei der Zielgruppe kaum Erfolg versprochen hätte. Begangene (schwerste) Gewalttaten, eigene Gewalterfahrungen, sozial-biografische Verwerfungen, Facetten ideologische Begründungsmuster, affektive Durchbrüche und Projektionen standen in einem so engen Kontext, das es sich geradezu verbot, die Kurse wie Bildungsveranstaltungen zu konzipieren. Die schwierige Frage und Aufgabe der Trainer war immer wieder: Wie führe ich entsprechende Themeneinstellungen und daran anschließende Kontroversen gewissermaßen auf der vor-politischen Ebene ein – ohne einzelne Teilnehmer gleich in die Verteidigungs- und Kampfesrolle zu bringen bzw. sie ihnen nahe zu legen. Diese Rollen kannten sie nur zu gut. Die an die Trainer verlangten Ansprüche waren hoch. Mithin verfügten sie alle über langjährige Erfahrungen mit entsprechenden Jugendlichen und „Szenen“.

Auf einer vierten Ebene wurden sogenannte „Angehörigentage“ in den Haftanstalten angeboten. Bei diesen Zusammenkünften standen u.a. Kommunikation, gegenseitige Erwartungen und mögliche Unterstützungsleistungen nach Haft-Entlassung im Mittelpunkt. Voraussetzung für diese Treffen war das Einverständnis der jugendlichen Insassen. Angehörige mussten im übrigen nicht die Eltern sein. Es konnten auch Personen sein, zu denen die Teilnehmer ein bereits langjähriges und zumindest in Teilen emotional gefestigtes Verhältnis unterhielten. Es sollten Menschen sein, auf die sie auch zukünftig vertrauen konnten und die – selbstverständlich – nicht dem Kreis der „Szene“ angehörten.

In einer letzten Phase des Programms boten wir Treffen nach Entlassung an. Es sollten freiwillige Angebote für die jugendlichen Haftentlassenen über einen nur kurzen Zeitraum sein. Ihnen kam die Funktion einer ambulanten Beratung zu. Verändertes Sozialverhalten sollte erneut „geankert“ und Schwierigkeiten, wie aber auch gelingendes Verhalten „draußen“ aufgegriffen werden.

Das Programm wurde in Kooperation des Ministeriums der Justiz und für Europaangelegenheiten des Landes Brandenburg, der Bundeszentrale für politische Bildung, der Landeszentrale für politische Bildung Brandenburg und dem Archiv der Jugendkulturen, das mit der Durchführung des Programms beauftragt war, durchgeführt. Das Programm hatte eine Laufzeit bis 2004.

(Text: Helmut Heitmann)