Harald Gröhler

Jugend wird in unserm Land immer mehr als Risikofaktor gesehen. Dazu aber gibt es einiges zu sagen. Eine solche unglaublich vereinseitigende Sicht resultiert in erster Linie daraus, dass das Sicherheitsbedürfnis des Erwachsenen seit mehreren Jahrzehnten überzogen ist. Es wird überbewertet.

Dadurch werden Erwachsene unsensibel für viele andere Aspekte. Es läuft auf eine regelrechte Schematisierung hinaus, ständig nur eine einzige Seite des Psychischen zuzulassen, nur das nämlich, was als Erwachsenenbewusstsein gilt.

Der Blickwinkel des Jugendlichen korrigiert und ergänzt vor allem die Unanschaulichkeit des Erwachsenen und damit oft genug auch dessen Realitätsferne. Dass der Jugendliche für diese Unanschaulichkeit nicht sehr zu haben ist, das wird schon durch die Ausdrucksweise belegt, die in der Welt des Jugendlichen selbstverständlich ist. Und die Ausdrucksweise der Jugendlichen ist oft genug überlegen, wenn es heißt, einen Status quo wirklich adäquat zu beschreiben. Die Jugendsprache ist abhängiger von Sachverhalten als die hochdeutsche Schriftsprache. Die Jugendsprache entlarvt oft besser das Unhaltbare. In Jugendlichenkreisen hat man eine außerordentlich feine Empfindlichkeit dafür, was bei Äußerungen existenziell ist, vital-existentiell, und was nur der Konventionen halber mittransportiert wird; was nur ungenau durchdacht ist; was nur Ballast ist. Der Blickwinkel des Jugendlichen kann oft als Pendant und als Kompensation wirken gegenüber der in unseren Tagen mehr und mehr schon klischeehaft erstarrenden Erwachsenenrolle. Der Blickwinkel des Jugendlichen unterläuft den Konformismus der Erwachsenenwelt. Für den Erwachsenen kommt es – bei der Interaktion mit Jugendlichen – psychisch oft genug zu einer Neuentdeckung des bis dato allzu Vertrauten; zu einem Entdecken neuer oder weiterer Zusammenhänge. Unter nun einmal verschobener Perspektive gelangen viele Dinge neu ins Bild, die uns unter stereotypem Erwachsenen-Blickwinkel schon längst unsichtbar geworden sind. Jugendliche stellen Fragen, die Erwachsene nicht mehr zu stellen wagen. Der Erwachsene erhält da quasi eine Außenansicht seiner eigenen Existenz. Und das kann dann dem Erwachsenen das Überbordwerfen von krampfhaft fixierten Positionen erleichtern. Der Erwachsene sollte sich klarmachen, dass der Jugendlichenblickwinkel eine sehr gute Möglichkeit darstellt, eingefahrene Erlebensschemata abzuschütteln. Insoweit ist ein Sich-Einlassen auf die Welt des Jugendlichen vergleichbar mit mancherlei Akten der Psychohygiene.

Man braucht aber auch nicht so weit zu gehen. Jugendlichensicht und Erwachsenensicht gegeneinandergehalten, das kann sehr wirksame Vergleichsmaßstäbe abgeben. So können Phänomene und Umstände unseres Daseins neu geprüft werden.

Und in den mehr oder minder institutionell konkretisierten Jugendkulturen bekommt der einzeln oft überforderte Jugendliche (in seiner Selbstverwirklichung überforderte Jugendliche) Rückendeckung. Er bekommt Rückhalt und wird in seiner psychischen Autonomie stabilisiert. Er wird hier unterstützt. Unter dem Ansturm der Erwachsenenkultur ist das auch unverzichtbar.

Ihrerseits brauchen die Institutionen der Jugendkultur unsere Unterstützung; denn angesichts hier fehlender Geldmittel und einer unzureichenden Lobby, einer auch im vorparlamentarischen Raum viel zu schwach ausgebildeten Lobby laufen die Jugendkulturen Gefahr, aufgerieben oder zermahlen zu werden.

Harald Gröhler
Mitglied des deutschen P.E.N.-Zentrums

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