Prof. Dr. Jürgen Terhag

Die Jugendkulturen sind längst erwachsen!

Trotzdem ist das Archiv der Jugendkulturen nötiger denn je zuvor.

Die Musik des vergangenen Jahrhunderts lässt sich beschreiben als eine permanente Folge von Jugendkulturen, die sich gegen Erwachsenenkulturen durchsetzen mussten, um dann – gegen Ende des Jahrhunderts immer flotter – selbst zu Erwachsenenkulturen zu werden.

Zusätzlich gab es immer wieder – vor allem im pädagogischen Bereich – die „erwachsenen Jugendkulturen“, die als Eltern oder Pädagogen einigen berufsjugendlichen Elan an den Tag legten, um der jugendkulturellen Herausforderung erzieherisch und/oder pädagogisch zu begegnen (vgl. Terhag 1989). So betrachtet beschreibt das Archiv der Jugendkulturen einen ganz wesentlichen Teil der Musikkultur des 20. Jahrhunderts.

Die Möglichkeit, sich publizistisch, wissenschaftlich oder nostalgiegetrieben mit Populärer Musik in Deutschland zu befassen, wird erleichtert und ermöglicht durch die verdienstvolle Arbeit des Archivs! Aus diesem Grund hat auch der Arbeitskreis für Schulmusik (AfS) als einer der großen deutschen Musiklehrerverbände das Archiv der Jugendkulturen unterstützt.

Bereits vor einem Vierteljahrhundert sollte der bewusst provokative Begriff der „Un-Unterrichtbarkeit“ jugendkultureller Musik die musikpädagogischen Schwierigkeiten mit Populärer Musik auf den Punkt bringen (vgl. Terhag 1984). Auch wenn sich rückblickend seit dieser Zeit bezüglich der praktischen pädagogischen Arbeit mit Rock, Pop, Jazz und deren fließenden Übergängen sehr viel Positives entwickelt hat, sind wir in der theoretischen Beschäftigung mit diesen Stilbereichen kaum einen Schritt weiter gekommen. Die meisten Schulen und Musikschulen – und in deren Gefolge auch die Hochschulen – haben sich zwar mittlerweile der Populären Musik angenommen, dies geschieht jedoch meist ausschließlich auf der musikpraktischen Ebene und damit zu wenig reflektiert, begründet und sachangemessen. Auch ambitionierte Aus- und Fortbildungsmodelle für Musiklehrer/innen thematisieren nahezu ausschließlich praktische Aspekte wie Bandarbeit, Instrumentenkunde, Arrangement, Technik/Computer etc., wodurch historische, ästhetische und außermusikalische Aspekte vom praktischen Umgang mit Populärer Musik abgekoppelt werden.

Jugendkulturelle Musik wird inzwischen sogar bei Wettbewerben wie „Jugend musiziert“ berücksichtigt, wodurch dieser Wettbewerb seinem Namen durchaus eher gerecht wird; im Jahr 2011 sind die Kategorien Drumset und E-Gitarre an der Reihe. Mit der Mannheimer Popakademie ist inzwischen eine Hochschule für jugendkulturelle Musik ins Leben gerufen, an praktisch allen Musikhochschulen wird der Bereich der Populären Musik mehr oder weniger intensiv unterrichtet und praktizierende Popmusiker/innen werden gezielt zum Studium der Musikpädagogik aufgefordert (Details siehe: http://www.afs-musik.de/pdf/hallische_erklaerung.pdf). Um jedoch auch in der kulturtheoretischen Erforschung jugendkultureller Musik weiterzukommen, muss das Archiv der Jugendkulturen erweitert statt geschlossen werden! Diese zentrale Anlaufstelle für Musikinteressierte aller Altersstufen darf nicht dem Rotstift zum Opfer fallen. In Ghana gibt es ein Sprichwort, nachdem der Tod eines alten weisen Menschen mit dem Brand einer Bibliothek zu vergleichen ist. In unserer Schriftkultur sind es Einrichtungen wie das Archiv der Jugendkulturen, die kulturelle Kontinuität ermöglichen und somit identitätsstiftend wirken können!

Prof. Dr. Jürgen Terhag

Literatur

Terhag, Jürgen: Populäre Musik und Jugendkulturen, Regensburg 1989
ders. (Hg.)
: Populäre Musik und Pädagogik Bd. 1-3, Oldershausen 1994/1996/2000
ders.
: „Die Vernunftehe. Vierzig Jahre Populäre Musik und Pädagogik“ In: Baacke, Dieter (Hg.): Handbuch Jugend und Musik, S. 439-457. Opladen, Leske & Budrich 1998
ders.:
„20 Jahre Un-Unterrichtbarkeit Populärer Musik. Ein didaktisches Problem hat Geburtstag” In: Pfeiffer/Terhag (Hg.): Musikunterricht heute Bd. 6. S. 39-51; Oldershausen, Lugert-Verlag 2006

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