Rafik Schami

Mich wundert es, dass Politiker immer wieder, vor allem nach Amokläufen, Asche über ihre Häupter streuen und beschließen, Gremien und Experten zusammenzurufen, um diese Katastrophe, die moderne Gesellschaften heimsucht, zu analysieren und kluge Sätze und Vorsätze zu fassen.

Dieses Verhalten wundert mich an sich nicht. Aber mich wundert, mit welcher Systematik dieselben Politiker gute Initiativen übersehen, totschweigen und damit verhindern, dass diese Initiativen der Jugend zugute kommen.

Und daran erkennt man, wie unseriös die vergossenen Tränen sind. Jugendarbeit ist tägliche Arbeit und nicht erst, wenn es knallt. Die eindeutige Ablehnung der Unterstützung der langfristigen Arbeit, wie die des Archiv der Jugendkulturen und vieler anderer Initiativen, ist Beweis genug. Die Heuchelei der Politik ist inzwischen Programm geworden, und es ist wirklich fast ein verbrauchter Witz, aufzuzählen, wie viele Milliarden an Steuergeldern die Politiker großzügig in die Banken gepumpt haben, während sie bei kleinen Beträgen, die Demokratie und Freiheit, Menschlichkeit und Mündigkeit verteidigen, knausern.

Lebensqualität ist nicht nur im Kochtopf oder in der Boutique zu suchen. Lebensqualität ist, wie wir miteinander umgehen, wie wohl sich Kinder und Jugendliche in unserer Gesellschaft fühlen. Und das Archiv der Jugendkulturen ist eine Schatzkiste von besonderer Qualität. Sie beherbergt all das, was Jugendliche in einer verhältnismäßig kurzen Phase ihres Lebens produzieren.

Mich wundert es, dass die Bundesregierung Gelder und Leben für die Verteidigung Deutschlands im Hindukusch großzügig vergeudet, aber die friedliche und preiswerte Verteidigung der Kultur in Berlin übersieht. Und dann wundert es mich nicht mehr, dass Bürger immer öfter auf die Straße gehen, ob in Biblis oder Stuttgart, um ihr Leben zu schützen und die Demokratie vor Verkrustung zu retten. Das ist das wahre Heldentum und nicht die Ballerei in Afghanistan. Das ist auch ein Beweis, dass Politiker dieses Landes immer weniger verstehen, was die Bevölkerung will und braucht.

Auch die Jugendlichen werden der Politik der großen Parteien immer entfremdeter, ablehnender gegenüberstehen, ohne dass ein Demagoge nötig wäre, der sie darin bestärkt oder gar aufhetzt. Die Aufgabe übernehmen die Parteien selbst.

Mich wundert natürlich, dass eine Bundeskanzlerin (nicht einmal ihre) unglaubwürdige, nicht gerade originelle, aber populistische Thesen von der „Leit-Hammel-Kultur“ vor Jugendlichen der Union vorträgt, ohne Angst zu haben, so viele Tomaten zu bekommen, dass sie für Jahre keinen Ketchup zu kaufen braucht.

Sind diese braven Gestalten, die wie Roboter der Worte der Kanzlerin Beifall schenkten, noch Jugendliche? Haben sie jemals etwas über die Gleichwertigkeit der Kulturen gelesen? Denen würde ich dringend einen Besuch beim Archiv der Jugendkulturen empfehlen. Und ich wette, einige sensible Mitglieder der Jungen Union werden solche Angebote von Sarrazin, Merkel oder Seehofer bestimmt nicht mehr bejubeln.

Mich wundert es, dass kein Politiker der großen Parteien über den Schatten seiner Partei springt und sich einen großen Namen macht, als Inhaber eines eigenen Kopfes, indem er demokratische Initiativen öffentlich unterstützt.

Eine dieser wunderbaren Initiativen ist das Archiv der Jugendkulturen. Ich war vom ersten Augenblick an ein Freund dieses Archivs, nicht nur deswegen, weil seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, allen voran Klaus Farin, fast selbstlos und immer kurz vorm Bankrott erstklassige Aufklärung betreiben, sondern, weil ich miterlebt habe, wie mein Sohn die Bücher des Archivs zwei- und dreimal gelesen hat. Er hob sie auf für die Ferien, damit er sie in Ruhe genießt. Ich beneidete das Archiv, weil es diese Brücke zu den Jugendlichen schlagen konnte, ohne ein einziges Moral predigendes Wort. Großartig!!!

Ich bitte alle Bürgerinnen und Bürger dieses Landes, das Archiv der Jugendkulturen so großzügig wie möglich zu unterstützen, damit die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihren wichtigen Beitrag tun können, ohne dauernd Angst zu haben, dass sie die Miete für das nächste Halbjahr nicht mehr zahlen können.

Ich darf eine kleine Prophezeiung aussprechen: Die Bundesrepublik Deutschland wird später sehr stolz auf das einzigartige Archiv sein, und es wird in Europa und der Welt ein Beispiel sein für die Initiative der engagierten Menschen, die so etwas bewirken können, wie es viele Initiativen zum Schutz unserer Erde und unserer Menschlichkeit geleistet haben, ohne dass die Regierungen auch nur einen Finger krumm gemacht haben.

Rafik Schami www.rafik-schami.de
Foto: Root Leeb

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