Stephan Weidner

Es war schon immer bequemer, den Zeigefinger zu heben – oder gleich damit auf jemanden zu zeigen – als auch nur ein Mindestmaß an Empathie für das für einen selbst fremd oder unzugänglich Wirkende aufzubringen.

Wie einfach es ist, heutzutage mit Denunzierung, interessengesteuerter Meinungsmache und gefährlich interpretierten Teil-, Halb- oder Unwahrheiten Massen zu erreichen und zu mobilisieren, haben die vergangenen Wochen gezeigt. Wie schnell Brandstiftern wie Sarrazin die Möglichkeit geboten wird, Hand an eine vermeintliche Lunte zu legen, ist erschreckend. Dabei erscheint es beinahe willkürlich, welche Generation, Ethnie, Kultur oder Gruppierung als Nächstes mit einem Stigma belegt wird, das sich durch manipulative Medien, Angst vor dem Anderen oder schlichte Denkfaulheit tief in die öffentliche Wahrnehmung einbrennt.

Die Industrie und ihre angeschlossenen Medienorgane sind so perfekt darin, uns das zu liefern, was wir wollen, dass wir zu Nationen hirnloser Zombies mutieren. Unsere Mediengesellschaft unterliegt den zuckersüßen Versuchungen der Unterhaltungsindustrie und der Presse. Wir übernehmen deren Meinung und plappern ihre als Information getarnte Propaganda nach. Egal in welcher Gesellschaft, es herrschen kollektive, negative Vorstellungen über Personen, soziale Gruppen, Weltanschauungen, Religionen, Völker und Nationen, die nicht kompatibel sind mit den eigenen, komfortabel ausgestalteten Denkmustern. Und ihre jeweiligen Organe transportieren genau diese Botschaften und legen damit ihre Feuer. Es gab zwar immer wieder gegenkulturelle Revolutionen, aber die Industrie hat es immer wieder verstanden, diese zu vereinnahmen, zu kommerzialisieren und auszubeuten.

Umso wichtiger ist deshalb – heute mehr denn je – die Arbeit unabhängiger Einrichtungen wie dem Archiv der Jugendkulturen. Klaus Farin und sein Archiv stehen für kritische, aber offene Empathie, Dokumentation statt Sensation eben. Und damit ist die größtenteils ehrenamtlich gestützte Initiative nicht weniger als ein integraler Pfeiler für eine funktionierende, tolerante und lebendige Demokratie. Eine Demokratie, in der Seelenfischer wie Sarrazin und Konsorten viel elanvoller gegen Wände oder schlicht ins Leere rennen sollten. Initiativen wie das Archiv der Jugendkulturen sind der Schmierstoff einer Kultur, die sich nicht in ständiger Angst vor oder um etwas wegduckt und in kontrollierbarer Schockstarre verharrt, sondern mit offenen Augen und offenem Geist für eine offene Gesellschaft einstehen kann und will.

Stephan Weidner (Böhse Onkelz, DER W)

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