Werner Kließ, Autor

Das Archiv der Jugendkulturen ist eine der besten und vernünftigsten Einrichtungen, die ich kenne. Neulich recherchierte ich zum Thema Skinheads. Im Netz und in Pressearchiven fand ich unzählige Hinweise, allesamt geprägt durch den Zusammenhang „Glatzen-Schläger-Rechte“.

O.k., vieles ist richtig, nützlich war nichts, weil nicht in die Tiefe gehend. Soziologen, Pädagogen, Psychologen schreiben viel zu dem Komplex. Bei den Psychologen habe ich durchweg das Gefühl, es würden alt bekannte Dinge breitgetreten, noch schlimmer ist es bei den Soziologen. Sie sind geistig auf dem Niveau der Biologen des neunzehnten Jahrhunderts, deren höchstes Ziel es war, neue Arten zu benennen und ins passende Fach zu stecken. Ganz nett, außer dass die Benennungen der Biologen wenigstens poetisch waren, die der Soziologen sind fachchinesisch. Brauchbar für Autoren ist nichts.

Wie anders das Archiv der Jugendkulturen! Dort gibt es natürlich auch all das, was Wissenschaftler produzieren, vor allem aber bemüht sich das Archiv unter der Leitung von Klaus Farin darum, die Jugendlichen selbst zu Wort kommen zu lassen. Wahrhaftig keine einfache Sache, denn mit Worten haben sie´s ja nicht so. Selbstzeugnisse werden gesammelt, auch wird Literarisches vom Archiv herausgegeben. Das Wort „Archiv“ zeigt an, dass vorurteilsfrei gesammelt (nicht vorab bewertet, kanalisiert, psychoanalysiert, soziologisiert, pädagogisiert) wird; das Wort „Archiv“ ist allzu bescheiden, denn tatsächlich wird das Gesammelte, wo immer es geht, umgesetzt in aktuelle Projekte.

Deshalb habe ich die dringende Bitte an Sie, liebe Autoren und Autorinnen und alle anderen, die mit und über Jugendliche arbeiten: Verbreiten Sie den Aufruf mit allen Mitteln, die Ihnen zur Verfügung stehen. Und vor allem: nutzen Sie das Archiv und/oder spenden Sie etwas. Selten ist ein Schein so gut angelegt!

Werner Kließ

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